Flucht ins Pensionat: Wo Schweden sich am liebsten betten

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    Södertuna Slott Foto: Svenska Kulturpärlor

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    Dufweholms Herrgård Foto: Dufweholms Herrgård

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    Restaurant im Hotel Fredriksborg Foto: Countyside Hotels

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    Wallby Säteri Foto: Countryside Hotels

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    Kohlswaherrgård Schlafzimmer Foto: Kohlswaherrgård

Wer am Wochenende die schwedischen Tageszeitungen liest, stößt in den Reisebeilagen immer wieder auf ausführliche Artikel über klassische schwedische Hotels sowie Rankings von Unterkünften in Schlössern, Herrenhäusern und schönen Pensionaten in Schweden. In Österreich hingegen konzentrieren sich ähnliche Seiten auf österreichische Hotels zeitgenössischer Architektur.

Bauart, Baumaterial, Nachhaltigkeit und Design stehen in den Beschreibungen im Vordergrund. Beim Vergleich der Anzahl der Urlaubs- und Geschäftsreisenden beider Länder fällt ein weiterer Unterschied auf: nach Schätzungen von Statistik Austria werden in Österreich etwa 10 % aller Nächtigungen in Hotels oder ähnlichen gewerblichen Betrieben) von Geschäftsreisenden, etwa 90 % von Privat-und Urlaubsreisenden getätigt. In Schweden sind hingegen nur 30 % aller belegten Hotelzimmer Privat- und Urlaubsreisenden zuzurechnen, 70 % werden von Geschäftsreisenden in Anspruch genommen. Die deutlich geringere Auslastung der schwedischen Hotels durch Urlaubsreisende hat natürlich Gründe: Schweden verbringen normalerweise den langen Sommerurlaub in ihrem Sommerhäuschen (bevorzugt in den Schären) oder im südlichen Ausland. Österreicher hingegen sind sowohl winters wie sommers durchaus geneigt, auch im eigenen Land zur Erholung fremdes Quartier zu beziehen.

Macht der Schwede/die Schwedin doch einmal nicht in eigenen Wänden Urlaub im Land, dann wird als Alternative (glaubt man den schwedischen Tageszeitungen) gerne die Übernachtung in einem der klassischen familiär geführten Hotels gewählt, gern ein bisschen abseits gelegen , umgeben scheinbar von unberührter Natur. Genau dieses Interesse schienen Maria Thulin Kindblom und Åke E:son Lindman im Blick zu haben, als sie 2005 die Neuauflage ihres Hotelführers „Klassiska hotell och äkta pensionat“ (Arena Bokförlåget) zusammenstellten. Dabei waren Maria Thulin Kindblom und Åke E:son Lindman sich anfangs gar nicht sicher, ob es überhaupt noch genuin schöne Hotels mit Charme und Geschichte in Schweden gab. Gemäß ihrem Motto „Hotel ist das halbe Reiseziel“ suchten die Autoren nämlich nach Hotels und Pensionaten, bei denen nicht nur Umgebung, Gebäude und Interieur, harmonisch zusammenwirken, sondern auch das Engagement der Eigentümer die Atmosphäre prägt. In den 70er und 80er Jahren hatten die klassischen Hotels in Schweden jedoch durch abgesenkte Decken, Gipswände, Teppichböden und Badezimmer in Fichte mit eingebauter Beleuchtung einiges an Atmosphäre verloren. Umso erfreulicher war es festzustellen, dass die klassischen alten Hotels nicht nur immer noch existierten, sondern dass eine neue Generation Hotelbesitzer geradezu eine Trendwende im Umgang mit historischen Gebäuden und Interieur eingeleitet hatte. Schloss, Herrenhaus oder Pensionat wurde nicht nur mit seiner ganzen Geschichte bewahrt, sondern, wenn notwendig, sogar wieder in seine Ursprungsform hergestellt. Zwischenwände wurden wieder herausgerissen, Parkettböden restauriert oder nach alten Vorlagen neu angefertigt, Originalmöblierung wieder hervorgeholt und/oder bei Auktionen zusammengekauft.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in diesen Jahren die wenigen schwedischen Hotels, die bei den Hotel-Kooperationen Romantik-Hotels oder RelaisChateaux vertreten waren, die Zusammenarbeit mit diesen Kooperationen beendeten, um sich kündigt unter dem Label „Historic Hotels of Sweden“ selbst zu vermarkten. Dies offensichtlich mit Erfolg, das Hotel „Toftaholms Herrgård“ wurde beispielsweise unter die zehn besten Hotels Schweden gewählt (Trip Advisor 2014).

Eine weitere Hotelkooperation mit ähnlichem Angebot ist „Countryside Hotels Sweden“. Die Kooperation arbeitet mit „Historic Hotels of Europe“ zusammen und existiert bereits seit 30 Jahren.

Beide Kooperationen arbeiten mit einem ähnlichen Konzept: elegante Herrenhäusern, klassische Pensionate und kleine Schlössern, die von ihren Besitzern liebevoll erhalten und zumeist persönlich geführt werden, bieten Großstadt müden Gutverdienern einen Rückzugsort in landschaftlich reizvollem Milieu. Ein Spa wird nicht gebraucht. Idyllische einsam gelegene Seen wie unberührte Natur gibt es in Schweden zur Erholung gibt es genug. Die Zielgruppe sind Menschen ab 35+, deren aufreibender Alltag wenig Zeit für Gemeinsamkeit erlaubt und die auf persönlichen Service sowie ausgezeichnete Küche in einem Haus mit Vergangenheit und Atmosphäre Wert legen. Diese Häuser richten sich in ihren Angeboten (Wochenendpakte, Familienfest, Konferenzen) in erster Linie an schwedische Gäste, deren Anteil in den letzten Jahren übrigens enorm gewachsen ist und laut Countryside Hotels Sweden knapp die Hälfte aller Besucher ausmacht. Die andere Hälfte setzt sich aus Besuchern aus Norwegen, Dänemark, Schweiz, Frankreich, Holland, Großbritannien und den USA zusammen. Gäste, die im Gegensatz zu schwedischen Gästen auch etwas länger, nämlich bis zu 3-4 Tage bleiben.

Auffallend ist bei all diesen Häusern wie auch bei den Hotelkritiken, dass die Kochkünste immer gesondert hervorgehoben werden. In den letzten Jahren ist dies auch als ein allgemeiner Trend in der schwedischen Hotelbranche zu vermerken, es wird ausgesprochen viel Wert auf gute Küche sowie exzellente Rohwaren gelegt. Dieser Trend folgt dabei auch der politischen Vision der schwedischen Regierung, die seit 2008 schwedische Rohwaren, Delikatessen und Kochkünste gezielt international zu lancieren sucht, nicht zuletzt mit dem Ziel durch die Kombination Restaurant und Tourismus die Wirtschaft der Landes positiv zu beeinflussen.

Ein bisschen verwunderlich ist es aber doch, dass die als allgemein so zukunftsorientiert geltenden Schweden sich gerne in ein Ambiente des 19. Jahrhundert oder der 30iger Jahre zur Entspannung zurückziehen. Zeitgenössischer Technologie (WLAN, TV etc.) wird dennoch geschätzt sowie eine Umgebung fern vom Spielplatz, Angebote für Familien mit Kindern werden gar nicht gemacht.

Es scheint so, als ob diese Art von Hotels den Schweden nicht nur so sehr die Möglichkeit eine vermeintlich gesündere und ruhigere Welt von Gestern einzutauchen, sondern manche Schweden sich genau solch ein Milieu wünschen, um dem gesellschaftlichen Druck sich nach Außen hin stets zukunfts-, design-, und familienorientiert sowie tolerant in allen Geschlechterfragen zu entkommen.

Text: Daphne Springhorn
(Dieser Artikel wurde im Katalog zur Ausstellung The Art of ReCreation abgedruckt. Die Ausstellung im 21er Haus zeigt bis Ende September 2014 im 21er Haus zeitgenössische österreichische und schwedische Hotelarchitektur.)

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